Die Kirche
 

 
 

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Der Altar von 1402

Der St. Jacobi-Altar ist ein Beispiel für einen besonders reich ausgestatteten Flügelaltar. Seine prachtvolle Gestaltung spiegelt auch die gesellschaftlichen Veränderungen seiner Entstehungszeit wider. Das aufstrebende Bürgertum und die sich ihrer Bedeutung bewusst werdenden Zünfte begannen damals, ihren Einfluss auch im Kirchenbau und in der kirchlichen Kunst geltend zu machen, was bisher den Fürstenhäusern und Klöstern vorbehalten war.

Dank seiner doppelten Flügel hat der Altar eine sog. Werktags-, eine Sonntags- und eine Festtagsseite. Sind die Flügel geschlossen, so ist die Werktagsseite dem Beschauer zugewandt


Sie zeigt in acht Bildern Szenen aus dem Leben des hl. Jakobus d.Ä. Betrachtet man der Reihe nach die Bilder der oberen und dann der unteren Hälfte, so bieten sich die einzelnen Ereignisse aus dem Lebenslauf des hl. Jakobus in ihrer zeitlichen Reihenfolge dar. Auf dem ersten Bild bittet die Mutter von Johannes und Jakobus, kniend, Jesus möchte ihren Söhnen im Himmelreich die Plätze zu seiner Rechten und zu seiner Linken geben. Auf dem zweiten Bild predigt Jacobus“ seinen Zuhörern – unter ihnen der böse Zauberer Hermogenes. Hermogenes beauftragt die ihm hörigen Dämonen, Jakobus zum Schweigen zu bringen, doch die bösen Geister werden von Jakobus besiegt und beauftragt, den Zauberer Hermogenes herbei zu bringen, der sich fortan zu Christus bekennt.
Die untere Bildreihe schildert Jakobus’ Tod und Begräbnis. König Herodes Agrippa I. verurteilt Jakobus zum Tode und lässt ihn hinrichten. Die Legende weiß zu berichten, dass der Leichnam des Jakobus auf dem Schiff nach Spanien gebracht wird. Die Königin Lupa sucht sein Begräbnis mit List zu verhindern. Aber ihre wilden Stiere bringen ohne menschliche Führung und „zahm wie Lämmer“ den Leichnam vor ihr Schloss, worauf die Königin sich zum christlichen Glauben bekehrt.

Die sog. Sonntagsseite besteht aus sechzehn reich ausgestalteten Tafelbildern, die die Kindheits- und Leidensgeschichte Jesu darstellen.







Eine lateinische Inschrift auf dem unteren Rande gibt Auskunft über das Datum der Entstehung: Es wurde vollendet im November 1402. Allen Bildern gemeinsam sind der vergoldete Hintergrund, die Decke mit einem Waffelmuster und der mit Fliesen ausgelegte Fußboden. Gebäude und Landschaften sind nur spärlich angedeutet.

Die Darstellungen sind keine naiven Darstellungen (biblia pauperum - Bilderbibel für nicht lesekundigen Armen), sondern symbolische Deutungen und Vergegenwärtigung der Geschichten. Viele Bilder verweisen auf die Passion. So überreicht der Engel, der Maria die Nachricht ihrer Empfängnis und der Geburt Jesu bringt, einen versiegelten Brief mit einem Kreuz-Siegel (Sonntagsseite 1). Das neugeborene Kind liegt nicht in einer Krippe, sondern auf einer Art Altar-Kasten (Sonntagsseite 2). Der kniende König in der Anbetung der Weisen aus dem Morgenland hält einen goldenen Kelch voller Oblaten mit Kreuzzeichen. Ein eindrückliches Beispiel für symbolische Deutungen ist das Kreuzigungsbild (Sonntagsseite 7). Das Kreuz, an dem Jesus hängt, ist nicht mehr das tote Holz, das er zu seiner Hinrichtungsstätte trägt (vorausgehende Szene), sondern ein grünender, Knospen treibender Stamm: der Lebensbaum. Das Geschehen wird aus der Vergangenheit in die Gegenwart geholt: das Kreuz, an dem Jesus hängt, wächst aus einem Kachelfußboden. In die Kacheln ist eine Rinne geschlagen, in der das Blut, das den Kreuzesstamm hinunter rinnt, weiter fließt. Es entsteht der Eindruck, als wenn das Blut geradewegs aus dem Altarbild heraus Richtung Altar in den Abendmahlskelch fließt. 

Ist der Altar ganz geöffnet, zeigt sich die sog. Festtagsseite mit ihren vergoldeten plastischen Darstellungen



Ihre Sockelzone besteht aus dichtem Rankenwerk. Die Mittelfigur, Christus, ist von je sechs alttestamentlichen Propheten umgeben. Ihre Namen sind auf geschwungenen Spruchbändern zu lesen. Darüber stehen paarweise unter Baldachinen sechzehn Heiligenfiguren; in ihrer Mitte, auf einer Bank sitzend, Christus und Maria bzw. die personifizierte Kirche (Ecclesia). Die Gestalten, sowohl durch ihre traditionellen Attribute als auch durch ihre auf der unteren Randleiste verzeichneten Namen gekennzeichnet, sind von links nach rechts: die Heilige Elisabeth v. Thüringen (mit Brotschale), Katharina v. Alexandrien (mit Krone und Rad), Bischof Martin von Tours (mit roter Mitra und Bischofsstab), der Apostel Matthias (mit Buch und Beil), der Apostel Andreas (mit „Andreaskreuz“), der Evangelist Matthäus (mit Hellebarde und Buch), der Apostel Johannes (mit Kelch), der Apostel Jakobus (mit Muschel am Hut, Buch und Pilgerstab), Christus und Maria/Ecclesia, Jakobus der Jüngere (mit Walkerstange und Buch), der Apostel Petrus (mit Buch und Schlüssel), der Apostel Paulus (mit Buch und Schwert), der Apostel Bartholomäus (mit Messer), der Apostel Thomas (mit Buch und Lanze), Bischof Nikolaus von Myra (mit roter Mitra und Bischofsstab), Maria Magdalena (mit Salbengefäß) und die Heilige Dorothea (mit Körbchen).


 
 
 

Die Schreiter-Fenster

Im nördlichen Seitenschiff wurden 1997/98 fünf Farbfenster nach Entwürfen von Johannes Schreiter  eingesetzt. Schreiter gilt als einer der bedeutendsten Glaskünstler des 20. Jahrhunderts. Eine Besonderheit seiner Fenster für St. Jacobi in Göttingen liegt darin, dass er hier einen ganzen Zyklus hat gestalten können. Schreiter malt nicht identifizierbare Geschichten, sondern interpretiert einen dunklen Text, den 22. Psalm. Jesus, am Kreuz hängend, hat ihn gebetet (Matthäus 27,46). Der Psalm ist fünfgliedrig und handelt von Verlassenheit, Tod, Gebet, Gemeinde, Auferstehung. Johannes Schreiter hat diese fünf „Strophen“ oder „Akte“ (liest man den Psalm als Drama) nicht abgebildet, sondern in seine Sprache übersetzt: Farben und Formen, Linien und Licht. So ist ein Kunstwerk entstanden, das den alten Text neu zum Sprechen bringt.

Einführung in die Sprache der Glasfenster

Die Fenster sind Bilder, Lichtbilder, aber keine, die durch den Projektor laufen. Sie stehen. Und wer sie betrachtet, tut gut daran, auch stehen zu bleiben oder den Fenstern gegenüber Platz zu nehmen. Im Vorübergehen erschließen sie sich nicht. Diese Lichtbilder sind Meditationsbilder.

Man braucht nichts über den 22. Psalm zu wissen, den diese Fenster nachbuchstabieren. Nein, buchstabieren kann man nicht sagen; die Besonderheit liegt ja gerade darin, dass diese Übersetzung ohne Worte auskommt; nur Farben und Formen, Linien und Flächen.

Und diese Farben und Formen, diese Linien und Flächen haben ihre Wirkung, sind ein ästhetisches Programm auch ganz unabhängig von dem Psalm, den Johannes Schreiter vor Augen hatte, als er diese Fenster entwarf.

Der Fond ist in allen Fenstern derselbe: eine Farbe wie nasser Sand. Und vor diesem Hintergrund – so wirkt das – hängen „Tücher“ in verschiedenen Farben. (Wie auch vor dem Altar und von der Kanzel herab je nach Kirchenjahreszeit verschiedene Tücher hängen?):

Ein schmales Tuch in dunklem Blau im ersten Fenster, ein grau-schwarzes im zweiten und im vierten; ein rotes (?) im dritten (in der Glashütte heisst diese Farbe Goldrosa); und im fünften ein „Tuch“, dessen Farbe vielleicht am besten beschrieben ist, wenn man sich vorstellt, es hätte einer das Glas des dritten Fensters (goldrosa) auf das des vierten (grau-schwarz) gelegt.
In allen Fenstern (Blei)Linien wie Risse oder Sprünge (so dass manche Besucher meinen: die Fenster sind ja schon kaputt!)

In allen Fenstern geometrische Formen: eckig, kantig, spitz. Rundes, Weiches – durch den Farbton noch unterstrichen – nur in den Vierpässen (in allen Fenstern ganz oben).

Manche Formen wiederholen sich: Quadrate in allen Fenstern, aber in verschiedenen Farben!

In den Fenstern 1 bis 4 so etwas wie eine Klammer; aber die ändert ihren Ort, ihre Richtung, ihre Füllung(?).

Der Betrachtende sieht, aber er weiß nicht, was er sieht. Das ist nicht gegenständliche Malerei. Abstrakte Kunst? Ja, aber der Künstler arbeitet mit Zeichen.

Wem daran gelegen ist, diese Zeichen zu deuten, diese Komposition aus Flächen und Farben, Linien und Licht zu lesen, also hinter dem ästhetischen das religiöse Programm wahrzunehmen, der/die sollte den 22. Psalm aufschlagen; den findet er in diesen Fenstern bestürzend und beglückend wieder.

Dirk Tiedemann

 

Fenster 1

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.  Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Psalm 22,2-3

Fenster 2

Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub.
Psalm 22,16

Fenster 3

Du hast  mich erhört.
Psalm 22,22

 

Fenster 4

Dich will ich preisen in der großen Gemeinde
Psalm 22,26

 

Fenster 5

Ihn allein werden anbeten alle, die in der Erde schlafen
Psalm 22,30

 

 
 

 

 
 
Zuletzt aktualisiert: 16.06.2017